Chor und Chorus

“Der Chor verlässt den engen Kreis der Handlung, um sich über Vergangenes und Künftiges, über ferne Zeiten und Völker, über


“Der Chor verlässt den engen Kreis der Handlung, um sich über Vergangenes und Künftiges, über ferne Zeiten und Völker, über das Menschliche überhaupt zu verbreiten, um die großen Resultate des Lebens zu ziehen und die Lehren der Weisheit auszusprechen.”

So steht es bei Schiller und so taucht er in unserer Reihe auf, der aufs Neue gewandelte Chor der griechischen Tragödie. Chorus nennen wir die Stellen im Film, in denen sich individuelle Erfahrungen ins Universelle erweiten. Originale Tagebucheinträge aus aller Herren Länder werden in den Originalsprachen gelesen, gehen ineinander über, setzen sich fort; bilden so eine zweite, akustische Erzählebene aus wahrhaftigen Zeugnissen.

Soweit die Theorie, und von der Frage abgesehen, wie die Mehrzahl von Chorus wohl heiße, gab es keine sonderliche Debatte um diese Form (Chorus ist in der Tat aus dem Englischen adaptiert und die Mehrzahl heisst Chorusse, Chöre hingegen sind der deutsche Plural von Chor). Nun aber gilt es seit Wochen, die Chorstimmen aufzunehmen. Wie lässt sich ein Maori in Leipzig finden, ein Senegalese, ein Paschtune? Wo doch schon ein Tscheche schwierig sein kann.

Und wenn sie dann kommen, um die Texte längst toter Landsleute zu lesen, dann plötzlich wird die Idee des Chors, die Idee vom “Vergangenen und Künftigen” auf ganz unerwartete Weise Wirklichkeit.

Da ist der Pakistani, der in einem Namen auf dem Choruseintrag seine eigenen Vorfahren entdeckt, unsere Sprache von Urdu auf Paschtu korrigiert und stolz erzählt, dass seine Familie schon immer große Krieger waren. Da sind die Waliser, die ihre Worte in einer Weise herausschleudern, dass Tolkiens Elbensprache sich plötzlich im Jahr 1914 wiederfindet. Da ist der Iraker, der ein moslemisches Gebet sprechen soll und fragt, ob es wieder ein Film über “Mudschahedin” sei (sonst gäbe es im Fernsehen ja kein Arabisch). Er selbst ist zum Glück schon 1998 aus dem Irak geflohen, bevor alles unterging.

Und dann sitzt in der Sprecherkabine die 24jährige Serbin, die einen Eintrag über die Flucht aus Belgrad vor den österreichischen Truppen zu lesen hat; eine Flucht ohne Nahrung und Wasser, in eisiger Kälte. “Ich kann mich gut in das Mädchen hineinversetzen”, sagt die junge Frau, “Ich bin selbst mit acht Jahren 1999 mit meiner Mutter vor den NATO Luftangriffen aus Belgrad geflohen.” Sie sagt es ohne Bitterkeit, ganz sachlich. Dann liest sie weiter die Worte des serbischen Mädchen von 1914 vor. “Vergangenes und Künftiges…." 

SOS from the Past

Die meistdiskutierteste Frage beim Verfertigen und Vorzeigen der “14 Tagebücher” war und ist der Blick unserer Hauptpersonen in die Kamera,


Die meistdiskutierteste Frage beim Verfertigen und Vorzeigen der “14 Tagebücher” war und ist der Blick unserer Hauptpersonen in die Kamera, ihr Versuch eines Gespräches mit dem Zuschauer. Während die Idee an sich keineswegs ganz neu ist (ja, von House of Cards über Boston Legal zu Scrubs etc…), stellt ihre Verwendung in einem dokumentarischen Spielfilm doch eine gewisse Zäsur dar, die bei Partnern, Redakteuren und Machern für Schauer und Diskussion sorgt. Warum aber habe ich mich für diese Form entschieden?

Ich fühle mich bei jedem dieser Blicke, dieser hastig geflüsterten Geständnisse unserer Hauptpersonen ganz nah bei ihnen. Übrigens sind die Worte ja eben IHRE Worte, ihre Tagebucheinträge, ihre Gedanken zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens. Und sie zeichnet aus, was alle Tagebücher kennzeichnet: sie sind sich des Ausgangs ihrer Geschichte nicht bewusst. Sie fühlen sich mitten in ein Geschehen geworfen, dass sie selten genug wirklich gestalten und nie ganz in der Hand haben. Es handelt sich also um eine Art digitaler Flaschenpost; ein SOS aus der Vergangenheit. Eine Botschaft, die ich empfangen, aber nicht beantworten kann. Außer in mir selbst.

Diese direkte Ansprache wird anders, als von manchen befürchet, keinen Graben aufreißen zwischen Zuschauern und jenen, denen sie zuschauen. Im Gegenteil - ich selbst bin gemeint. Mein Leben. Das ganze Chaos, das ich mit Gewissheit verwechsle. 

In diesem Fall ist es übrigens der wunderbar intensive Jacopa Menicagli, der mich und euch anschaut. Aber das SOS senden sie alle, unsere 14.