SOS aus der Vergangenheit

Teil 2.Schreiben und Inszenieren der dokumentarischen Dramaserie “Krieg der Träume - 18″ im deutsch-französischen Duo.Foto: Co-Autor und Co-Regisseur Frédéric Goupil


Teil 2.

Schreiben und Inszenieren der dokumentarischen Dramaserie “Krieg der Träume - 18″ im deutsch-französischen Duo.

Foto: Co-Autor und Co-Regisseur Frédéric Goupil mit Showrunner Jan Peter am Atlantik bei Penedo (Portugal), auf den Spuren von Wim Wenders “Der Stand der Dinge” © Sandra Naumann.

Jan:

Wir haben ja lange überlegt, wie das am Set funktionieren soll. Bei vielen Serien mit zwei oder mehr Regisseuren wird wöchentlich gewechselt, so wie das ja auch bei den „Revenants“ war („Les Revenants“ ist die Emmy-preisgekrönte französische Fernsehserie, an deren beiden Staffeln Frédéric Goupil mitwirkte, als Erster Regieassistent in Staffel 1 und als Co-Regisseur in Staffel 2). Aber ich glaube, es ist besser, wenn wir wirklich zusammen am Set sind, gemeinsam Entscheidungen treffen und so die Bucharbeit fortführen – keine Spezialisierung auf einzelne Stränge oder Charaktere, sondern einen ständigen Blickwechsel. Eine ständige gegenseitige Anfeuerung, ein Weitertreiben hin zum Besseren.

Das Gute an dieser sehr langen Zusammenarbeit zwischen uns ist ja, dass wir schon vorher erspüren, was der andere will, tut – und wo er gerade stark und wo schwach ist. So werden wir am Set natürlich nicht diskutieren, sondern eben gemeinsam führen.

Frédéric:

Siehst du, ich glaube, was wirklich funktioniert, ist, dass wir nicht das Gefühl haben, allein zu sein, uns allein mit einem so vielfältigen, heterogenen Stoff herumschlagen zu müssen. Es gibt immer einen Ko-Piloten…

Du kommst eher aus dem Dokubereich, ich eher von der Fiction, wir beide zusammen haben locker 60 Jahre treue Dienste geleistet für Film und Fernsehen. Und trotzdem fühlen wir uns nach wie vor oft, als wären wir gerade erst 17 geworden…

Jan:

… und wir haben ja auch so viele junge Frauen und Männer ausgesucht, die wir durch die einundzwanzig Jahre zwischen 1918 und 1939 begleiten werden. Diese Ungestüme, Fragende, an allem Zweifelnde und Suchende in unseren Figuren, das reizt mich ungemein. Das hält uns auch jung und macht hoffentlich auch unsere Arbeit zu etwas Neuem.

Weißt Du, mich hat  ja immer am meisten das Erzählen von Geschichten gereizt – und das Erweitern der Grenzen. Ich bin immer unzufrieden mit dem Status Quo und habe auch stets danach gesucht, Historie formal anders, neu zu erzählen. Und jetzt haben wir diesen Weg gefunden, in der zwei Genres, das Dokumentarische und das Fictionale, nicht mehr nebeneinander stehen, sondern miteinander verschmelzen. Das stellt eben auch filmtheoretisch und historisch äußerst spannende Fragen. Was ist die Wahrheit? Wie wahrhaftig sind historische Aufnahmen? Sind nicht alle Gewissheiten über den Verlauf von historischen Ereignissen nur eine Frage der Perspektive?

Wie können wir das auch filmisch umsetzen, ohne in zu viel Theorie zu verfallen? Ich denke z.B. an den Chorus, das Element über das wir weiter oben schon gesprochen haben. Das bisherige Prinzip dafür sieht vor, auf verschiedene Archivbilder verschiedene Stimmen zu hören, die alle zusammen ein Ereignis beschreiben und emotional aufladen. Was wäre, wenn wir ein und dasselbe Bild nehmen und Stimmen sammeln, die das selbe Ereignis ganz unterschiedlich beschreiben und bewerten? Stell Dir die Aufnahmen von dem rechtsextremen Putschversuch im Februar 1934 in Paris vor – ein Ereignis, das in Deutschland z.B. kaum jemand kennt.

Dasselbe Bild – drei Perspektiven: Einmal (aus den Augen der Royalisten) ist die Polizei eine Mörderbande, ein anderes Mal (aus den Augen der linken Gegendemonstranten) rettet sie die Demokratie und ein drittes Mal (aus den Augen eines Polizisten) wird sie durch das Versagen der Politik auf der Straße verheizt. Dieses Weitertreiben der Frage nach der Wahrheit und der Wirklichkeit, um den deutschen Regisseur Andreas Dresen zu zitieren, dieses Hybride ist es, was mich an dieser Form des fictionalen Erzählens reizt.

Und wie ist es bei Dir? Ist es für Dich keine Einschränkung, Dich so fest an realen Fakten und realen Personen halten zu müssen?

Frédéric:

Nein, überhaupt nicht. Es gibt schließlich bei jeder Figur gewisse Regeln, die es zu beachten gilt, damit sich eine stimmige Entwicklung im Rahmen der filmischen Erzählung ergibt. In der Fiktion werden diese in Form einer Bibel oder direkt im Drehbuch festgeschrieben, keine Figur ist völlig frei in ihrer Entwicklung. In unserem Fall hat uns die Geschichte Vorgaben gemacht, wir folgen ihren Regeln und die Fiktion gibt ihr dann ihre Realität zurück. Das ist doch wunderbar, oder?  Und dann, das Archivmaterial.

Unser Glück bei „18“ ist es, dass wir auf wunderbares Archivmaterial zurückgreifen zu können. Das Material ist noch vielfältiger und großartiger, als das bei „14“ der Fall war, denn die Zeit ist sehr reich an Bild- und Tonmaterial. Darauf können wir uns stützen und es auch in ganz kurzen, unterschwelligen Momenten einsetzen. Unser Archivteam hat schon mit der Recherche begonnen und liefert uns schon jetzt, während des Schreibprozesses Material. Das inspiriert uns und gibt ihnen das Gefühl, irgendwie auch am Schreibprozess beteiligt zu sein.  

Jedenfalls nehmen wir das Beste von „14“ mit, um mit „18“ noch weiter zu gehen. Die Schauspieler zum Beispiel. Wir haben bereits mit dem Casting begonnen, ein Jahr vor Drehbeginn. Wir wollen auch da ja einen Schritt weitergehen.

Jan:

Wir hatten bei „14“ großes Glück mit den Schauspielerinnen und Schauspielern. Aber natürlich setzt das Genre normalerweise einfach bestimmte Grenzen – finanziell und auch hinsichtlich der Bereitschaft von Agenturen und Darstellern, bei einer handwerklich oft nicht so anspruchsvollen Rolle mitzuwirken. Denn es ist ja das größte Problem der herkömmlichen Doku-Fiction, real und in der Wahrnehmung – dass sie sich einfach zu oft auf eine Illustration verlässt, statt eine Entwicklung zu zeigen. Das Gute ist nun, dass wir nach „14“ auch da mehr probieren können. Wir sind, was die innere Kraft der Rollen betrifft, von der Entwicklung der Charaktere her ganz klar auf dem Weg zur großen Serie, zur Fiction. Und so fragen wir nun auch die großen Namen an – nicht wegen des Ruhms, sondern wegen ihres Talents. Und siehe da: Wir haben bereits wunderbare Darsteller gewinnen können.

Joel Basmann, für mich ein ungeheures Talent (Deutscher Filmpreis 2015 für „Wir sind jung, wir sind stark“) , haben wir gemeinsam getroffen und wir sehen ihn in der Rolle des Rudolf Höss.

Oder Vicky Krieps als die junge französische Anarchistin May Picqueray. Vicky ist eine großartige und so starke junge Frau aus Luxemburg, die zuletzt in “Colonia” im Kino brilliert hat.

Oder Dein Vorschlag für die Rolle der jungen österreichischen Ärztin Edith Wellspacher. Du hast mit Roxane Duran ja bereits gedreht und ich finde sie eine geniale Besetzungsidee (österreichisch-französische Darstellerin, u.a. in „Das weiße Band“ und „Michael Kohlhaas“).

Beides sind Darsteller, die wir vielleicht für „14“ nicht gewonnen hätten, die aber eben jetzt bereit sind, sich mit uns beiden auf dieses Abenteuer einzulassen.

Frédéric:

Genauso mit Szenenbild und Licht. Bereits jetzt, während des Schreibprozesses, wollen wir die großen Linien entscheiden, wir wollen einen gewissen Expressionismus, der zu der Epoche passt, und mit dem wir einen zu großen Naturalismus der Kamera und der Inszenierung durchbrechen wollen…

Jan:

Ja, die Idee ist für mich, auch da etwas Neues zu probieren. Nicht die perfekte Erschaffung großer Sets mit möglichst vielen historischen Kostümen ist für mich in Bezug auf unsere Serie interessant, sondern die möglichst intensive Annäherung an unsere Hauptfiguren und deren Lebenswirklichkeit.

Daher haben wir ja die Idee entwickelt, große Teile der Fiction im Studio zu drehen – einem Ort, an dem wir Lichtstimmung und Expressivität stark an das vorhandene Archivmaterial anpassen können. Es geht also darum, in den Sets eine gewisse Künstlichkeit zu erschaffen, dafür aber umso natürlicher Archivmaterial mit neu gedrehten Sequenzen miteinander verweben zu können. Die Szenen sollen direkt miteinander verschnitten werden, übergangslos ineinander übergehen. Es reizt mich, mit Dir und dem Kamerateam zusammen so eine neue Ästhetik zu schaffen, die eben auch, wie Du sagst, der Zeit am besten entspricht. Darauf freue ich mich sehr, das wird ein neues Abenteuer.

Frédéric:

Und was haben wir jetzt noch vergessen zu sagen?

Jan:

Wir Deutschen zitieren ja gerne unsere Dichter. Also sage ich mit Goethe nun:

Der Worte sind genug gewechselt,
Laßt mich auch endlich Taten sehn!

SOS aus der Vergangenheit

Teil 1.Schreiben und Inszenieren der dokumentarischen Dramaserie „Krieg der Träume –18“ im deutsch-französischen Duo.Foto: Die Autoren und Regisseure Jan Peter


Teil 1.

Schreiben und Inszenieren der dokumentarischen Dramaserie „Krieg der Träume –18“ im deutsch-französischen Duo.

Foto: Die Autoren und Regisseure Jan Peter (Leipzig) und Frédéric Goupil (Paris) im Gespräch auf dem STUDIOCANAL Berlinale Empfang 2016 © Christian Schulz.

Frédéric:

Erinnerst Du Dich noch, Jan, an einen Abend in Kanada während der Dreharbeiten zu „14“? Du hast zu mir gesagt, „Wenn Du ein Projekt hast, dann werde ich Dir helfen, es zu realisieren.“

Ich habe irgendwas geantwortet, ich weiß nicht mehr, die Müdigkeit am Ende eines Drehs halt, ich wusste nicht genau, was Du damit sagen wolltest. Aber inzwischen ist mir klar geworden: Es war eigentlich die Frage „und wenn wir weiterhin gemeinsam Dinge tun würden? Einer mit dem anderen, einer für den anderen, wenn wir unsere Zusammenarbeit fortsetzen würden, einfach um zu sehen, wohin uns das bringt, wozu wir gemeinsam noch fähig sind.“

„18“ ist bereits auf dem Weg. Und nun sind wir „Co-Regisseure“ und deine Vision vom deutsch-französischen Duo trägt bereits erste Früchte, oder?

Jan:

Es geht ja beim Filme machen nicht so sehr um Sentimentalität – oder besser gesagt, ich versuche mich vor dieser, wie ich finde schwierigen Gefühlsregung in Acht zu nehmen. Und so war auch die Frage damals nicht so sehr ein Ausdruck von Dankbarkeit (obwohl ich immer sehr dankbar war, Dich an meiner Seite zu wissen in den kanadischen Schützengräben, zwischen Gewitter, Hurrikan und Gluthitze), als vielmehr von einer größeren Vision. Ich habe bei „14“ ja sehr schnell gemerkt, dass eine einseitig nationale Sicht auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts einfach nicht mehr machbar ist. Nicht so sehr moralisch, nein ganz praktisch.

Wenn Geschichte als eine filmische Story funktionieren soll, muss sie gebrochen, subjektiv und multi-perspektivisch sein. Wir dürfen uns dabei ebenso wenig auf eine Sicht der Dinge festlegen wie auf eine einzige Sprache - selbst wenn diese uns weißen Männern mittleren Alters noch so sehr selbst gefällt. Und diese Vielsprachigkeit, ja die Mehrdimensionalität, die wir mit den Darstellern bei „14“ erschaffen haben, die wollte ich auch ins Schreiben, ins Erschaffen und in die Inszenierung holen. Es ist diese Vielsprachigkeit auf so vielen verschiedenen Ebenen – auditiv und visuell, emotional und intellektuell – die mich gereizt hat, mit Dir zu arbeiten.

Es geht mir bei der Weiterentwicklung um eine Art Chorus, wie in unserer Serie: Miteinander verwobene Stimmen, von denen jede einzelne wahr und real ist und die doch in ihrer Summe etwas Größeres ausdrücken. Eine „innere Wahrheit der Dinge“, eine Strömung unter der Oberfläche der Ereignisse. Diese Tiefenströmung ist es, die Geschichte formt, die Spannung aufbaut, die Menschen treibt und von Menschen angetrieben wird. Und durch was lässt sich etwas so Tiefgründiges, kaum Sagbares besser einfangen als durch das Mittel des Films, in dem derart viele Ebenen miteinander und gleichzeitig erzählt werden können?

Frédéric:

Du hast Recht, diese Idee von der „inneren Wahrheit der Dinge“ bringt das alles zum Ausdruck, worum es beim Arbeiten mit historischen Stoffen geht. Was haben diese Menschen wirklich erlebt, die wir zum Leben erwecken? Wie können wir die Löcher in ihren Biographien, ihren Geschichten auffüllen? Indem wir eintauchen in die Persönlichkeit all unserer Protagonisten, in die Tiefe gehen und versuchen, die Antworten zu geben, die sie gegeben hätten, in dieser oder jener Situation. Aber Du kennst das Prinzip, „14“ hat ja bereits genau so funktioniert. Und jetzt versuchen wir mit „18“ dieses Rezept zu verfeinern, zu ergänzen und zu verbessern…

Jan:

Im Mutterland der modernen Serie, in den USA heißt es ja: „It’s the2nd season that seperates luck from talent.“ Mit „14“ haben wir in einer wirklich großen Kraftanstrengung ein neues Format erschaffen: Serielles Erzählen in einer neuen hybriden Form, dazu das übergangslose Verweben von Archiv und Fiction. Nun bauen wir darauf auf und wollen gemeinsam weitergehen.

Ich glaube, dass es für eine Weiterentwicklung drei wesentliche Punkte gibt: Die Qualität der Schauspielerinnen und Schauspieler; die Intensität und Radikalität der Interaktion von Drama und Archiv und- der wichtigste Schritt - weg vom Erklär-Fernsehen des 20. Jahrhunderts hin zum rein subjektiven Erzählen, auch und gerade in einer historischen Dokumentation. Wenn die Welt so viele Wahrheiten hat, wie es Menschen gibt und reale Menschen den Kern unserer Serie bilden, dann müssen wir eine Art Kaleidoskop aus Erzählperspektiven erschaffen. Also zum Beispiel den klassischen Erzähler so weit wie möglich reduzieren und verschiedene Ansichten der Welt parallel erzählen, ohne eine über die andere zu erheben und natürlich auch, ohne die Übersicht zu verlieren. Das ist aus meiner Sicht die größte Herausforderung bei unserer zweiten Staffel. Zugleich ist das eben auch spannender, unterhaltsamer und wahrhaftiger, für uns und die Zuschauer.

Frédéric:

Ich finde, dass deine Idee, einen Erzähler nur in sehr eingeschränktem Maße einzusetzen, dem emotionalen Erleben noch mehr Raum gibt. Es ist nicht unsere Art, alles zu erklären. Damit man die Dinge versteht, braucht man keine Erklärungen, sondern Emotionen, vor allem, wenn man ein jüngeres Publikum erreichen will, das Emotionen gegenüber sehr offen ist. Das erscheint mir umso wichtiger, wenn man eine so ereignisreiche und komplizierte Zeit erzählen will.

Jan:

Bei„14“ habe ich ja kurz vor dem Dreh beschlossen, die Darsteller/innen die realen Tagebuchtexte der historischen Personen ab und zu in die Kamerasprechen zu lassen. Das klingt jetzt beinahe schon etwas altmodisch,aber Anfang 2013 war das in unserem Genre noch ziemlich kühn. Du hast mich sehr bei dieser Idee unterstützt. Diese Blicke, diese Texte, das sei für Dich wie ein „SOS aus der Vergangenheit“. Diese Metapher hat mich sehr beeindruckt, weil es das Prinzip des subjektiven Erzählens von Vergangenheit für mich zusammenfasst.

Wir alle wissen nicht, was der morgige Tag, geschweige denn das kommende Jahr bringen wird. Geschichte entwickelt sich nicht linear und erst recht nicht entlang bestimmter Vorhersagen. Jede und jeder Einzelne von uns ist wie fest geklebt an ihrer oder seiner Realität. Und nun schauen uns Menschen an, die vor einhundert Jahren gelebt haben und wir erfahren, ganz emotional und unmittelbar, dass auch sie nicht wissen, wie ihre Geschichte ausgeht.

Den Blick in die Kamera werden wir also wieder sehen, wenn auch viel weniger oft, dafür überraschender und ab und zu in einer neuen Funktion. Wir haben ja diesmal eine ganz andere Aufgabe – nicht 4 Jahre Krieg gilt es zu erzählen, sondern 21 Jahre scheinbaren Friedens. Dabei ist dieser Frieden voller Gewalt, voller katastrophaler politischer Fehler und Verrat. Und vor allem: Es gibt ständig Entscheidungen zu treffen. Für Millionen von Europäern, für unsere Protagonisten. Es sind Entscheidungen, die uns selbst heute auf fast gespenstische Art und Weise nahe gerückt sind. Deswegen ist der Blick in die Kamera keine Spielerei, auch kein „SOS aus der Vergangenheit“ mehr, sondern eine Art Selbstbefragung. Was würdest du tun? Was WIRST du tun?

Frédéric:

Mich würde schon interessieren, wie die Coen-Brüder oder die BrüderDardenne arbeiten, weißt Du? Wie tauschen sie ihre Ideen aus, wie kommunizieren sie an einem Set, ohne die Arbeitsabläufe zu behindern. All das müssen wir finden, werden wir finden.

Im Moment, für die Phase des Schreibens haben wir ein gutes Gleichgewicht erreicht: Wir erarbeiten gemeinsam eine Struktur, zusammen mit Eva (Dr. Eva-Maria Fahmüller, die Dramaturgin der Serie), Sandra und Regina, unseren Producerinnen (Sandra Naumann für FortisImaginatio, Dr. Regina Bouchehri für LOOKSFilm).

Wir sind ja auf Deine Anregung für drei Monate in die Prignitz gefahren, haben einen alten Gasthof gemietet, samt Mäusen und Ofenheizung. Der Winter in Brandenburg war für mich nicht leicht, das kannst Du mir glauben… Aber wir haben viel geschafft, waren intensiv zusammen, haben uns noch viel besser kennengelernt und – vor allem unsere Figuren wirklich intensiv erforscht. Alle veranstalten ja derzeit einen Writers Room, wir haben ja gleich ein Writers House daraus gemacht. Gunnar, Gerolf, Peter und Gerhard haben uns besucht, wir haben gemeinsam gekocht, getrunken, diskutiert und immer weiter geschrieben (Gunnar Dedio – Produzent LOOKS, Gerolf Karwath – federführender Redakteur SWR/ARTE, Peter Gottschalk – federführend für „18“ bei ARTE/G.E.I.E.Straßburg, Gerhard Jelinek - federführender Redakteur ORF).

In diesen Wochen haben wir uns auf eine Figurenauswahl geeinigt, die Plotlines der Episoden festgelegt und begonnen, zu schreiben. Damit ist der Ablauf im Jahr 2016 soweit klar: Wir werden schreiben, meist für eine Woche gemeinsam um die Struktur zu finden und dann einzeln an den Storylines.

Aber dann kommt der Dreh. Was werden wir da tun?

FORTSETZUNG FOLGT….

Landkarte der Seele

Es geht wieder los. Ein neues Abenteuer, für uns, die Deutschen, den Franzosen, die Schwedin, den Holländer. Wir sitzen zusammen


Es geht wieder los. Ein neues Abenteuer, für uns, die Deutschen, den Franzosen, die Schwedin, den Holländer. Wir sitzen zusammen in einem Raum, sprechen miteinander in verschiedenen Sprachen und ringen um eine zweite Staffel, eine weitere achtteilige dokumentarische Dramaserie. Wir bahnen uns wie durch den Dschungel auf Papier einen Weg durch die Tagebücher und Briefe von vierzehn Frauen und Männern, um einen Sinn für uns zu finden und um sie zugleich wieder zum Leben zu erwecken. Es geht wieder los. Und es wird gegenwärtiger als je zuvor.

Als wir die “14 Tagebücher” begannen, dachten wir, dass es ein ungeheures und nahezu aussichtslosen Unterfangen sein würde, die ehemaligen Kriegsgegner Großbritannien, Frankreich, Russland und Italien auf der einen, Deutschland und Österreich auf der anderen Seite zu einer filmischen Erzählung zu vereinigen. Es stellte sich als euphorisierend einfach heraus.

Nun gehen wir seit einem Jahr daran, die Geschichte und das Leben europäischer Menschen von 1918-1939 weiter zu erzählen. Einfacher als Krieg, dachten wir. Weniger heikel als Krieg, dachten wir. Doch Europa hat sich in diesen wenigen Jahren radikaler verändert, als wir es ahnten. “Renationalisierung” raunt es in dem einen Sender. “Entlassungswelle” in dem anderem. Geschichte bleibt keine Geschichte mehr, sondern wird wieder (oder zumindest wieder offener) zum Kampfplatz von Ideologen und Ideologien. Das ist schockierend im ersten Moment und gut im zweiten. Denn die Beschäftigung mit Geschichte verliert so ihr Plüschiges, ihr Gemütlich Raunendes. Geschichte wird wieder als das wahrgenommen, was sie in Wahrheit immer war: Gefährlich.

Wir erzählen von der Vergangenheit, vom Versagen der Demokratien und dem Wiederaufstieg des Nationalismus, des Hasses auf alles Fremde, des Krieges. Und wir erleben dies in einer Gegenwart, die nicht mehr länger ein mehr oder weniger konstruierter Spiegel der Historie ist. Sondern ihre atemlose Entsprechung. Europa, so scheint es, geht vor die Hunde. Das gilt 1935. Und plötzlich auch 2015. Wir lesen von Horthy und Piłsudski und schauen auf die Monitore vor uns und da stehen andere Namen und doch ähnliche Lügen. Kleinkrimininelle werden Volksredner. Demokraten katzbuckeln vor Diktatoren. Austerität gilt als Religion. Schulden müssen bezahlt werden, um den Preis ganzer Völker. Der Krieg rückt näher. Hass gedeiht. Es steht nicht nur in Büchern, es lebt vor unseren Augen jeden Tag.

Nun ist es meine feste künstlerische Überzeugung, dass sich “Historie” nur als ständige Verwebung von Geschichte und Gegenwart, als Prozess von gegenseitiger Durchdringung und unauflöslicher Abhängigkeit darstellen lässt. Kostüme um der Kostüme willen wären mir zu banal. Es geht immer ums Heute. Aber nie war das so augenscheinlich wie bei diesem Projekt “18”.

So ist das Kartographieren der Leben und der Seelen unserer Protagonisten zugleich professioneller Prozess und ein Versuch, Geschichte begreifbar, erlebbar zu machen. Ein Film muss zuallererst gut gemacht sein, und gut gemeint zu sein hilft dabei selten. Aber diesmal geht es eben auch um das Vermessen von Alternativen, um das Ablegen des Fluches vom “Unvermeidlichen” der Geschichte. In jedem Moment gibt es Verästelungen, Möglichkeiten der Umkehr, des Widerstands. Nichts ist entschieden, bis zum Moment der Entscheidung. Die Zeit zwischen 1918 und 1939 war für ihre Akteure eben keine “Zwischenkriegszeit”, sondern ganz einfach ihr Leben, ihr Irren, ihr Kämpfen. Und lange, sehr lange hätten kleine Gesten des Mutes und der Staatsklugheit ausgereicht, um einen weiteren Krieg zu verhindern. Manchmal scheint es, hätte der Zeitgewinn von Monaten ausgereicht.

Nichts ist uns näher als die Vergangenheit. Das ist es, was wir in diesen Wochen des “Writers Room” erleben, als Deutsche, Franzosen, Schweden, Holländer. Als Europäer. Und zugleich ist nichts an dieser Vergangenheit mechanisch. Es lohnt sich zu kämpfen, bis zum letzen Moment. Für das Europa des Friedens, der vielen Sprachen, die miteinander und nicht gegeneinander reden.